Die Ergebnisse der Wahlen in der Türkei am letzten Sonntag, zeigen ganz deutlich, dass ein sozialer Wandel in der Türkei stattgefunden hat und immer noch stattfindet. Innerhalb der letzten Jahrzehnte hat sich die Türkei Schritt für Schritt von einer Agrargesellschaft zu einer Mittelschichtsgesellschaft entwickelt. Während die erste Gesellschaft mehr kollektivistisch ist und das Gemeinwohl über den Einzelinteressen liegt, ist letzteres individualistisch und die Interessen des Einzelnen haben meist Vorrang. Diese Entwicklung konnte man auch beim türkischen Wählerverhalten erkennen. Im Gegensatz zu der Aussage des ehemaligen Botschafters in der Türkei und derzeitigen Parteisekretärs der CHP, Onur Öymen, ist dieses Verhalten nicht irrational. Den der Wähler in der Türkei interessiert sich schon seit langem nicht mehr für das Schicksal von kollektiven Konstrukten, wie dem Laizismus, der nationalen Selbstständigkeit oder der nationalen Würde. Vielmehr interessiert es ihn nicht, solange seine persönlichen Interessen davon konkret betroffen sind. Und diese Interessen sind nicht mehr ideologischer Natur, sondern wirtschaftlicher Natur. Der Verkauf der Türk Telekom an den Sohn des ermordeten libanesischen Premiers Harriri (einem „Araber“ die ja uns im Ersten Weltkrieg „verraten“ haben), den die Opposition als Ausverkauf nationaler Interessen ansah , ist für diesen Wähler insoweit relevant, wie es die Telefonpreise beeinflusst. So war es für den Wähler nicht begreiflich, was so schlimm daran sein sollte, dass die Türk Telekom verkauft wurde, wo doch die Telefonpreise drastisch vielen, zumindest für nationale und internationale Anrufe. Ebenso ist es für den Wähler sehr unwichtig, ob die PETKIM, ein staatliches Chemieunternehmen, an ein russisch kasachisches Bieterkonsortium ( wo der Haupteigner ein Armenier ist) verkauft wird, da es direkt keinen Einfluss auf seine Lebenssituation hat. An was der neue türkische Wähler interessiert war und ist sind Maßnahmen und Programme mit den seine ökonomische Situation verbessert wird, bzw. ihm zumindest die Hoffnung gegeben wird, dass sie sich verbessern wird. Dabei erwartet er aber konkrete realistische Programme von den Parteien und nicht irgendwelchen populistischen Wahlversprechungen, die nicht finanziert werden können. In diesem Sinne haben ca. 55 – 60 % der Wähler, die für eine Partei ihre stimmen abgaben, die für den EU Beitritt war, direkt oder indirekt begriffen, dass nur der Beitritt der Türkei in die EU und die Umsetzung von EU Recht ins Türkische Recht eine Verbesserung der ökonomischen Situation in der Türkei und auch bei den einzelnen Bürgern bewirken wird. Die Beitrittsverhandlungen wurden von diesen Wählern nicht als Ausverkauf nationaler Interessen angesehen, bzw. dieser Ausverkauf wurde in Kauf genommen, wenn er die ökonomische Situation des Einzelnen selbst verbessern würde.
Genau hier liegt auch der Wahlerfolg der AKP. Zum einen konnte sie eine solide Wirtschaftspolitik vorweisen. Das Wirtschaftswachstum liegt seit 5 Jahren konstant bei 7 % , die Inflation und die Zinsen sind gesunken, tägliche Preiserhöhungen bei Strom, Wasser usw. gehören der Vergangenheit an. Auf der anderen Seite versprach die AKP, den derzeitigen Wirtschaftspolitik ohne wenn und aber weiterzuführen und das derzeitige jährliche Pro Kopf Einkommen von derzeit 7000 $ auf 10000$ zu erhöhen in der nächsten Legislaturperiode. Mit anderen Worten, die AKP versprach den Gewinnern ihrer Wirtschaftspolitik, das sie weitermachen wird wie bisher und dejenigen, die noch nicht davon profitiert haben, dass sie davon profitieren werden. Die Oppositionsparteien, versprachen genau das Gegenteil. Austritt von den EU Verhandlungen und der Zollunion mit der EU, Rücknahme der Privatisierung, Verstaatlichung der Banken, usw. Hinzu kamen populistische Versprechen, die von den Wählern, die ja von der rationalen Wirtschaftspolitik der AKP verwöhnt wurden, nicht ernst genommen wurden.
Aber der eigentliche Fehler der MHP und CHP lag darin, das sie dachten, mit dem Verweis auf Nationalismus und Säkularismus den Wähler erreichen zu können. Vielmehr dachten sie das die kollektiven Interessen, die individuellen wirtschaftlichen Interessen überwiegen werden. Aber dies war ein Fehler. Den in einer individualistischen Mittelstandsgesellschaft wie in der Türkei verlieren solche „Großen Erzählungen“ an Interesse und müssen anderen Interessen Platz machen. Der Wähler glaubt nicht mehr, das der türkische Laizismus oder die nationale Selbstständigkeit in Gefahr ist, oder viel wichtiger, es interessiert ihn nicht mehr. Weder verbessern oder verschlechtern diese die individuelle Situation des Einzelnen.
Das es eine Individualisierung des Wählerverhaltens sehen konnte, erkennt man aber nicht nur bei den „säkulare“ Wählern, sondern auch bei den „religösen“ Wählern. Den die AKP hat in keinsterweise traditionelle Wahlversprechen der islamischen Wählerschaft gegeben. Sie hat nicht gesagt, dass sie das Kopftuchverbot an den Universitäten lösen möchte oder die Situation der Predigerschulen, denen der Zugang zu den Universitäten erschwert wird, verbessern möchte. Bei den religiösen Wählern zeigte sich auch, dass diese kollektiven Interessen, wieder wirtschaftlichen Interessen gewichen sind. Denn diese Bevölkerungsgruppen wurden Teil eines wirtschaftlichen Aufschwungs in den letzten 10 Jahren. Auch sie interessieren sich primär an dem derzeitigen wirtschaftlichen Aufschwung und am EU Betritt. Dafür sind sie bereit Kompromisse zu machen. Sie schicken zum Beispiel ihre Töchter zum Studieren ins Ausland.
Wichtig ist hier auch eine Studie der TESEV, die zeigt, dass in der 4,5 Jährigen AKP Herrschaft, der Anteil der Befürworter der Einführung der Scharia von ca. 19 % 2002 auf 8 % 2006 gesunken ist. Mit anderen Worten, die Herrschaft einer Partei, die islamistische Wurzeln besitzt, hat zu einer politischen Modernisierung und Liberalisierung der religösen Schichten in der Türkei geführt. Auch aus dem Grund, weil diese immer reicher wurden und ihre früheren kollektiven kulturellen Interessen gegenüber wirtschaftlichen Interessen verdrängt oder gar aufgegeben haben.
In diesem Sinne ist der Wandel der religösen Schichten kennzeichnend für die Türkei. Die Türkei ist heute eine Mittelstandsgesellschaft, die ihre ökonomischen Interessen, als primäre wahlentscheiden Interessen, am besten bei der AKP aufgehoben sieht. Dementsprechend sind die Wähler der CHP oder MHP mehrheitlich diejenigen, die mit diesen sozialen Veränderungen nicht umgehen können, bzw. nicht von ihnen profitieren. Bei der CHP sind es meist Beamte, die nicht in der Privatwirtschaft tätig sind und deren früheren privilegierte ökonomische Situation von der AKP, der Globalisierung, der Demokratisierung bedroht wird. So bekamen im früheren türkischen Sozialschutzsystem, die Beamte eine Reihe von Vergünstigungen und Sonderleistungen, die aber von der Sozialstaatsreform der AKP aufgehoben wurden. Die Wähler der MHP setzen sich mehrheitlich aus Globalisierungs- und Modernisierungsverlierern zusammen, welche die Antwort ihrer Misere im Nationalismus suchen. Beide Gruppen sind natürlich daran interessiert, dass die Situation vor der AKP Herrschaft wieder eingerichtet wird, damit ihre frühere wirtschaftliche Situation wieder hergestellt wird. Dies versuchen sie durch den Verweis auf einen plumpen Nationalismus und einer Gefahr vor der schleichenden Islamisierung der Türkei zu legitimieren. Nur haben sie das Problem, dass sie nicht in der Lage waren, den sozialen Wandel in der Türkei zu erkennen und zu verstehen, dass mit diesem Wandel auch das Wählerverhalten und die Wählerpräferenzen sich verändern. Beide streben einen Staatssozialismus an, der aber den ökonomischen Interessen der neuen türkischen Mittelschicht zuwiderläuft.
Wie sagte man in den 90ern in den USA: It`s the economy dude!